Wie das Rotkehlchen zu seinem roten Kehlchen kam

von Sandra Julius

Mit riesigen Schritten geht es auf die Weihnachtstage und Silvester zu. Ein kleiner Vogel ist in dieser Zeit jeweils besonders präsent: das Rotkehlchen. Aus der Weihnachtsdekoration ist das putzige Vögelchen mit der leuchtend roten Brust kaum mehr wegzudenken – aber warum eigentlich?

Wenn die Tage kürzer und die Nächte länger werden, Raureif oder gar Schnee die Landschaft bedeckt und sich die Feiertage nähern, stösst man immer wieder auf das Rotkehlchen. Es ziert weihnachtliche Servietten, schmückt Weihnachtsbäume oder dient als Sujet für Weihnachtsbriefmarken.

Weihnachtsvogel Rotkehlchen
Die Bedeutung des Rotkehlchens als Weihnachtsvogel geht wohl auf eine christliche Legende unbekannten Ursprungs zurück: Im Stall, wo das Jesuskind geboren wurde – so sagt man – war neben Ochs und Esel auch ein kleines, braunes Vögelchen mit dabei. Tief in der Nacht, als alle schliefen, wurde das wärmende Feuer immer kleiner und drohte ganz auszugehen. Kurz bevor es ganz erlosch und das Jesuskind zu erfrieren drohte, brachte der kleine Vogel die Glut mit seinen Flügelschlägen wieder zum lodern. Dabei wurde das Vögelchen von ein paar Funken an der Brust getroffen. In Erinnerung an diese Heldentat erstrahlten fortan die Brust und ein Teil des Gesichtes aller Rotkehlchen in leuchtendem Rot.

Häufiger Wintervogel in unserer Gegend
Mit dieser auffälligen, roten Färbung bringt das Rotkehlchen, als einer unserer häufigsten Wintervögel, einen Farbtupfer in die zuweilen eintönig anmutende Winterlandschaft. Dabei kommen die Rotkehlchen, die bei uns den Winter verbringen, häufig aus den nordischen Ländern Skandinaviens oder des Baltikums während einige «unserer» Rotkehlchen in die Mittelmeerregion ziehen. Aufmerksamen Beobachtern oder Beobachterinnen mag aufgefallen sein: Oft sind die nordischen Wintergäste zutraulicher als die Rotkehlchen, die im Sommer bei uns weilen.

Rote Färbung und Gesang als Revierverteidigung
Rotkehlchen sind äusserst Territorium bezogen und verteidigen ihr Revier oft mit Nachdruck. Dabei können sie durchaus ein sehr energisches Verhalten zeigen, das man den süssen Vögelchen kaum zutrauen würde. Um ihr Revier abzustecken und Eindringlinge fern zu halten setzen Rotkehlchen ihren Gesang und, wenn das nichts nützt, auch ihre rote Brust als Drohgebärde ein. Im Winter sind Rotkehlchen Einzelgänger und verteidigen ihr Revier sowohl gegen Männchen als auch gegen Weibchen. Darum singen bei den kleinen Vögeln – anders als bei vielen anderen Vogelarten – beide Geschlechter.

Eigenheiten des Gesangs
Der Gesang der Rotkehlchen hat einige Besonderheiten: Sie singen ihre etwas melancholisch anmutende Melodie in sagenhaften 275 verschiedenen Variationen. Und dies tun sie nicht wie die meisten Vögel von kurz vor Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, sondern bis in die Dämmerung hinein und teilweise auch während der Nacht.

Es lohnt sich also, während eines nächtlichen, winterlichen Spaziergangs von einer Weihnachtsfeier nach Hause, die Ohren zu spitzen. Wenn Sie einen Vogelgesang hören, den Sie trotz gewisser Übung nicht bestimmen können, stehen die Chancen gut, dass Sie dem Gesang eines Rotkehlchens lauschen, das gerade eine neue Gesangsvariation ausprobiert.

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